Kontrollieren oder einstellen der Steuerzeiten:
Bevor wir die Steuerzeiten kontrollieren oder einstellen, sollten wir einige Punkte überprüfen:
- Ist eine O.T. (Oberer Totpunkt) Markierung vorhanden? Wenn ja, ist sie auch an der richtigen Position? Im Laufe der Jahrzehnte könnte die Schwungscheibe oder der Gehäusedeckel getauscht worden sein. Die Schwungscheibe besitzt an der Innenseite eine eingeschlagene Nummer, welche mit der Motornummer identisch ist. Beim Deckel der Kupplung ist es schwieriger. Er besitzt auch die gleiche Motornummer, aber diese befindet sich in der Innenseite und ist somit ohne Demontage des Deckels nicht zu sehen. Also O.T. mit Messuhr oder Schraubenzieher kontrollieren und gegebenenfalls eine neue Maskierung anbringen.
- Ist die Nockenwelle überhaupt die richtige? Es kommt nicht selten vor, dass bei den Airone- und Falcone-Modellen die Nockenwelle getauscht wurde. Es gibt Sport- oder Turismo Nockenwellen, welche unterschiedliche Steuerzeiten haben. Sollte man versuchen die Steuerzeiten einer „Sport“ mit der Nocke einer Turismo einzustellen, wird das zwar annähernd gelingen, aber wundert euch nicht, dass die Karre keine Leistung hat. Anspringen und laufen würde der Motor. Die Auslassnocke ist gleich, nur die Einlassnocke ist bei den Sportmodellen grösser. (Die Nocke am Zahnrad ist Auslass) Die Nockenwelle einer Airone Sport hat die gleiche Ersatzteilnummer, ist aber noch mit „BIS“ gekennzeichnet.



- Alten Markierungen auf der Nockenwelle und auf der Kurbelwelle würde ich auch nicht trauen. Wer weiß, ob es noch die Originalteile sind oder in den 60-70 Jahren nicht einiges oder alles getauscht wurde.
Kontrollieren oder einstellen der Steuerzeiten:
Bei der Airone können wir beim Einstellen die Nockenwelle immer nur um einen Zahn verdrehen. Das Zahnrad der Nockenwelle hat 32 Zähne. Es dreht sich nur halb so schnell wie die Kurbelwelle (16 Zähne). Also ist eine Verdrehung der Nockenwelle um einen Zahn eine Veränderung der Steuerzeiten um 22,5 Grad an der Kurbelwelle/ Schwungscheibe.

Aber! Eine beliebte Veränderung, die die Leistung steigern sollte, ist das Abschleifen der Passfeder des Kurbelwellenzahnrades. Im oberen Bereich werden ca. 2 mm abgeschliffen, was zur Folge hat, dass sich das Zahnrad in Richtung späteres Öffnen und Schliessen verändert. (Nicht das frühere Öffnen ist entscheidend für die Leistung, sondern das spätere Schliessen der Ventile). Ob diese Veränderung Leistung bringt oder nicht, habe ich nicht ausprobiert.

Bei den 500er Modellen können wir das Kurbelwellenzahnrad um jeweils ca. 6° versetzen. Das Zahnrad besitzt drei Nuten, die zueinander diesen 6° Versatz haben. Man kann durch Ausprobieren die am besten passende Nut herausfinden. Das Prüfspiel der Ventile für Ein- und Auslass ist 0,2 mm. Die Zahnräder der 500er Modelle haben 36/18 Zähne. Die Verstellung um einen Zahn beträgt 20° an der Kurbelwelle.
Die Steuerzeiten werden entweder in Kurbelwellen-Grad oder in X mm an der Außenseite der Schwungscheibe angegeben. Die Schwungscheibe der Airone hat einen Durchmesser von 220 mm.
Durchmesser mal PI ergibt einen Umfang von 691,15 mm. Der Umfang geteilt durch 360° ergibt den Teilkreis je Grad Kurbelwelle an der Außenseite der Schwungscheibe. Bei der Airone sind das 1,92 mm. Bei der Falcone 2,44 mm, deren Schwungscheibe einen Durchmesser von 280 mm hat wie auch Astore/V/GTV/GTW oder GTS/S. Die meisten 500er Modelle von der Normale bis zu Sport 15 haben eine 290 mm Schwungscheibe. Also besser nachmessen.
Ein Beispiel von Guzzi Steuerzeiten:
Astore/Falcone-Turismo:
Einlass öffnet 24° vor O.T. (24° x 2,44 mm = 58,56 mm) Angabe im Handbuch 55-60 mm an der Schwungscheibe.
Einlass schließt 70° nach U.T. Auslass öffnet 72° vor U.T. Auslass schließt 31° nach O.T.
Zuerst das Ventilspiel auf 0,2 mm einstellen, dann den Kolben auf den oberen Totpunkt stellen. Beide Ventile müssen geschlossen sein (Zündungs O.T.).
Mit dem Schwungrad die Kurbelwelle beinahe zwei Umdrehungen weiterdrehen (im Uhrzeigersinn).
Das Einlassventil beginnt sich zu öffnen.
Bei der Falcone „Turismo“ 55 – 60 mm vor O.T.
Bei der Falcone „Sport“ 110 – 115 mm vor O.T.
Die genannten Abstände beziehen sich auf den äußeren Rand der Schwungscheibe.
Wann das Ventil anfängt zu öffnen, kann man am genauesten mit einer Messuhr bestimmen.
Bei offenen Köpfen besteht die Möglichkeit, das Ventilkäppchen zu drehen bis es Spielfrei ist.
Bei geschossenen Köpfen entweder Ventildeckel demontieren, um an die Kipphebel zu kommen, oder mit einer Spitzzange durch die Einstellkappe die Einstellschraube bewegen, bis diese auch spielfrei ist. Der Gehäusedeckel der Steuerseite muss beim Kontrollieren grob montiert werden, weil eine Lagerstelle der Nockenwelle sich im Deckel befindet. Sonst ist die Nockenwelle nicht ausreichend geführt und die Messung zu ungenau.
Allgemein gilt:
Wenn man die Steuerzeiten einer Nockenwelle nicht kennt, kann man als Faustformel die Überschneidung der Ventile auf ca. O.T. einstellen. Überschneidung bedeutet, dass das Einlass- und das Auslassventil, gleich weit geöffnet sind. Eine Überschneidung vor O.T. ist besser als nach O.T.
Die verschiedenen Nockenwellen:
S/GTS:
Ersatzteilnummer M8515: Einlass öffnet 49 mm vor O.T. (20°)
Airone Turismo:
Ersatzteilnummer 2544: Einlass öffnet 35-40 mm vor O.T. (20°)
Airone Sport:
Ersatzteilnummer 2544 „BIS“: Einlas öffnet 55 mm vor O.T. (28,6°)
Falcone Turismo:
Ersatzteilnummer 8061 oder 8279: Einlass öffnet 55-60 mm vor O.T. (24°)
Falcone Sport:
Ersatzteilnummer 11550: Einlass öffnet 110-115 mm vor O.T. (46°)
V/GTV/Astore:
Ersatzteilnummer 8061 oder 8279: Einlass öffnet 55-60 mm vor O.T. (24°)
Dondolino:
Ersatzteilnummer M14023 „BIS“: Einlas öffnet 115mm vor O.T. (46°)
Eine Streuung der Steuerzeiten um mehrere Grad ist keine Seltenheit.
Kontrollieren oder einstellen des Zündzeitpunkts:

Es gibt fünf Magnetzünder, die verbaut wurden:
Bosch FF1 (Sport14 / Sport15) Handverstellung über einen Hebel am Lenker.
Bosch FC1 (P175 / P238 / Airone) Handverstellung über einen Hebel am Lenker.
Marelli MLA (Sport 15 / GTS / GTV/ GTW / Astore / Falcone) Handverstellung über einen Hebel am Lenker.
Marelli BL (Airone) Handverstellung über einen Hebel am Lenker.
Marelli MCR 4E (GTV / Astore / Falcone / Airone) Automatische Verstellung über Fliehkraftregler.
Der Zündzeitpunkt bei Spätzündung:

ca. 10 ° vor O.T. bei einer Airone. Das sind 20 mm an der Schwungscheibe (Handbuch 20-21 mm).
Falcone Turismo: ca.15 °. Das sind 36 mm an der Schwungscheibe (Handbuch 34-35 mm).
Falcone Sport: ca. 9°. Das sind 22 mm an der Schwungscheibe (Handbuch 21-22 mm).
Es gibt auch Angaben in den Handbüchern (Astore/GTV), wo ca. 110 mm bei Frühzündung angegeben wird.
Das sind 45° vor OT. 15° Spätzündung plus 30° Verstellung = 45° Frühzündung.
Der Kontaktabstand sollte ca. 0,4 mm betragen.
Zur Kontrolle des Zündzeitpunktes den Hebel am Lenker (linke Seite) auf Spätzündung stellen. Schwungscheibe im Uhrzeigersinn drehen, bis der Kontakt anfängt abzuheben.
Die Position ist bei ca. zwanzig vor bei einer Uhr.
Den Abstand der Pfeile am Durchmesser messen und kontrollieren, ob das Maß stimmt.
Beispiel Falcone Turismo:
Abstand 35 mm gleich 15° vor OT. Sollte der Abstand nicht Stimmen (Abweichung über 10 mm), muss das Zahnrad der Zündung verdreht werden. Der Zündzeitpunkt kann nur über Verdrehen des Zahnrades oder den Kontaktabstand eingestellt werden.
Bei den Zündern mit Handverstellung können wir über den Hebel am Lenker entscheiden, welchen Zündzeitpunkt wir haben wollen.
Die Angaben von Guzzi in den Handbüchern sind über 70 Jahre alt. Die heutigen Kraftstoffe verbrennen viel besser und schneller als die damaligen. Deshalb können wir den optimalen Zündzeitpunkt nur erahnen.
Modernere Motoren kommen mit weniger Frühzündung zurecht. Die Moto Guzzi Le Mans zum Beispiel mit 8° vor OT spät und 36° vor OT früh.
Das Verstellen der Steuerzeiten und der Zündung ist nichts für Anfänger. Ein gewisses Wissen und Erfahrung sollten vorhanden sein. Sonst besser die Finger davon lassen und das jemanden überlassen, der so etwas schon einmal gemacht hat. Das muss nicht an einer alten Guzzi gewesen sein.
Michael Migo Meyer