Moto Guzzi Nuovo Falcone (Polizia)

Amore a seconda vista!

Meine Polizia habe ich im Sommer 2016 am Teutoburger/Wald erstanden. Da gab es mal die Varusschlacht, während wir uns heute mit der Virus-Schlacht herumärgern, aber das ist ja eine andere Geschichte.


In der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald, auch bekannt als Varusschlacht oder Hermannsschlacht, vernichteten germanische Stämme unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius im Jahre 9 nach Christus drei römische Legionen. Später wurde Arminius als „Hermann, der Cherusker“ und Retter Germaniens glorifiziert.
Böse Zungen behaupten, dass die Entwicklung der Nuovo Falcone auf diese Zeit zurückgeht und die „Retter Germaniens“ ( BMW) einfaches Spiel hatten den langsamen Eisenhaufen zu überholen. Motorradfahren war in den 1960er Jahren mitten im Umbruch, weg vom Massenfortbewegungs-mittel, hin zum reinen Freizeitspaß. Mit den, damals noch unterschätzten Japanern, kam zudem weiterer Wettbewerb auf den Markt, der allen europäischen Herstellern deutlich zusetzte.


Die Nuovo Falcone wurde zunächst für den Behördenmarkt entwickelt und kam aufgrund dieser Abstammung mit reichlich Übergewicht auf den Markt. Gepaart mit den mageren, laut Papieren 26 Zwergponys, lag der Erfolg nicht in schnellen Verfolgungsfahrten, sondern in der schieren Unverwüstlichkeit. Welcher Motor sonst hätte stundenlanges Warten, im bekannten „Lanz Bulldog Stakkato“ ,verbunden mit dem dadurch kaum vorhandenen Öldruck, ausgehalten. Während der Capitano, lässig am Strassenrand lehnend mit dem stuzzicadenti die letzen Reste von Mamas Bolognese aus seinem Rachen pulend, auf neue Opfer der letzten riforma della regolamentazione del traffico wartete, tuckerte der liegende Einzylinder bei fast mitzuzählenden 6-800 U/min vor sich hin, um im Falle eines Falles das bereits erwähnte Geschwindigkeitsdefizit durch schnelles Aufsitzen und Losfahren auszugleichen.


Diese Genügsamkeit, das stoische Fahrverhalten und der geringe Benzinverbrauch sprach dann aber tatsächlich auch noch eine zivile Käuferschicht an, so dass Moto Guzzi sich genötigt sah 1974 eine zivile Version nachzuschieben, die in nichts besser war und 1976 wieder aufgegeben wurde.
Wie der wohlwollende Leser spätestens jetzt bemerkt, war die Nuovo nie mein Traummotorrad, aber als der Club der Einzylinder von Moto Guzzi zur 40 Jahresfahrt nach Mandello aufgerufen hat, dachte ich mir, dass die Reise mit meinem V7 Gespann nicht stilgerecht wäre und die kleine Zigolo ein bisschen zu langsam. Ergo musste eine Falcone her. Die „Richtige“ (Falcone bis 1967) kostete schon damals richtig Geld, also viel die Wahl auf eine „Nuovo“. Außer dem Namen und dem liegenden Zylinder haben diese beiden Vögel auch wirklich nichts gemeinsam. Wenn man sie beim Treffen nebeneinander sieht, fragt man sich wer den seinen Esel neben Gina Lollobrigida angebunden hat. Die eine wohlgeformt, rasant und leichtfüßig, die andere gedrungen, solide und plump.
Nun, in der Not frisst der Teufel Fliegen und die gemeinsame Reise rückte immer näher. Und dann kam endlich die ersehnte Annonce (ohne Bild):

Moto Guzzi Nuovo Falcone NF
Superschnäppchen: Moto Guzzi Nuovo Falcone Behördenversion.
Baujahr 1966
Vor Jahren komplett restauriert und seit ein paar Jahren im Stall verstaubt.
TÜV fehlt, ist aber kein Problem da alles bis auf Blinker funktioniert.
Absolut sauber und geräuschfrei laufender Motor und Getriebe.
Sämtliche Anbauteile wie Beinschutz, Frontverkleidung, Koffer in Stahl und Sitzkissen.
Leichte Patina ist natürlich durch die lange Standzeit entstanden. Kann aber durch wenige Fleißarbeit schnell wieder in altem Glanz verzaubert werden.
Eine nachträglich zusätzliche Ölleitung zur oberen Kipphebelwelle ist eingebaut.
Der Preis ist als Festpreis ausgeschrieben.
Tel.:XXXXXXXXXXX

Was soll ich sagen, der Preis war gut, das Jagdfieber geweckt und ich sah mich kurz den Staub abwischen und nach Mandello cruisen. Also los zur Besichtigung, 3 Stunden Anfahrt, ach was soll’s, ich muss doch eine Falcone haben, wenn es nach Mandello geht.
Der Verkäufer war gerade dabei Luft in die platten Reifen zu blasen und die Zündkerze zu wechseln, als ich auf den Hof fuhr. Der mitgebrachte Hänger erschwerte nicht nur das Einparken, sondern lies meine Verhandlungschancen gen Null sinken. Egal, ich musste das Ding einfach haben.
Das die Nuovo in 1966 noch gar nicht gebaut wurde, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, der fehlende TÜV wurde ausgeblendet, das bisschen Blinker kann so wild ja nicht sein, die fehlende Ölleitung zum Kipphebel ist mir auch nicht aufgefallen, wohl aber die deutliche Patina. Dieser Esel stand schon länger auf dem Gnadenhof. Egal, ich musste das Ding einfach haben.


Dass der Verkäufer und die im Brief eingetragene Dame nicht identisch sein konnten, fiel mir dann doch noch auf und wurde mir mit einem Freundschaftsdienst erklärt. Egal, ich musste das Ding einfach haben.

Nun, was soll ich sagen: Ich habe das Ding immer noch.

Nach dem Wechsel des Motoröls, Ersatz des nicht mehr vorhandenen Ölsiebs, zwei neuen Reifen, ein bisschen Elektrik-Gefummel und dem Tausch der Kupplung am Tag vor der Abfahrt (Danke Dir, lieber Rolf) ging es mit dem Club auf „Große Fahrt“.
Dass ich immer am Ende der langsamen Truppe fuhr hat mich nicht gestört, ich wusste ja, dass die NF nicht zu den Knieschleifern gehört. Als ich in den Alpen aber fast gar nicht mehr hinterherkam machte mich das stutzig. Am Splügenpass riss noch der Kupplungszug und als wir im „Al Verde“ auf dem Parkplatz unsere Wunden leckten, habe ich mir gedacht, wenn Du schon mit so viel Einzylinder- Guzzi-Knowhow unterwegs bist, könnte ja vielleicht einer einen Typ für mehr Leistung haben.


Vom Kurbelwellenerleichtern, bis zum Polieren der Einlasskanäle war so ziemlich alles dabei, was sich dort auf dem Parkplatz nicht so leicht beheben lies. Wirklich Danke an alle für die qualifizierten Hinweise.
Irgendwann kam dann Tom, das Zigarillo im Mundwinkel hängend, deutete auf den Gasgriff und sagt trocken: „Wenn Du die Anschlagsschraube da, ein bisschen rausdrehst, dann kannst Du auch Vollgas geben.“
Die Rückfahrt ging deutlich schneller!
Die Falcone fährt immer. Ein Jahr gestanden, egal ein Tritt und sie läuft. Achtzig ist Reisegeschwindigkeit und das ist so entspannend. Regelmäßige Ölwechsel, die Luft in den Reifen kontrolliert und sonst nix, begleitet sie mich jetzt im fünften Jahr. Patina hat sie immer noch, aber ich putze lieber, als das ich schraube. Sie glänzt mittlerweile, betört durch den unschlagbaren Klang und entspannt mich durch völlig stressfreies Rumtuckern.

Ich gebe sie nicht mehr her! Liebe auf den zweiten Blick eben.

Besitzer: Götz Braake